Nationalismus und Patriotismus
Datum: 
20.02.2003
Period: 
Premijer 2001–2003.

Vortrag von Dr. Zoran Djindjic vor den Studenten der Universität in Banja Luka
21. Februar 2003

Das ist kein Vortrag im wissenschaftlichen Sine und keine Rede im traditionellen Sinne, sondern nur ein Versuch, ein Thema von einer anderen vielleicht ungewöhnlichen Seite zu erleuchten und mit einigen sachlich begründeten Argumenten zu ergänzen und in diesem Ort, hier in Banski Dvori in Banja Luka einen kleinen Denkprozess zu initiieren, der für einige von ihnen vielleicht ein Fortschritt in dem Verständnis von Sachen bringt, die in ihrem Leben wichtig sind.

Der Kern aller organisierten Systeme ist, seinen sie individuelle Lebewesen oder Gemeinschaften, seinen sie Staaten oder Gesellschaften, dass sie sich in einem Umfeld befinden. Das heißt, außen besteht etwas bzw. ein Umfeld, das auf das Schicksal, die Existenz, den Erfolg oder Misserfolg dieses Organismus, dieses Wesens oder eines anderen Gebildes einen wesentlichen Einfluss nimmt. Für den Organismus oder die Organisation ist es sehr wichtig, das eigene Umfeld zu verstehen und, wenn möglich, einige Regelmäßigkeiten im Verhalten seines Umfelds zu erkennen und sich an sie anzupassen. Natürlich gibt es Ausnahmen, wenn der Organismus in der Lage ist, sein Umfeld so zu beeinflussen, dass es nicht so wichtig ist, was in diesem Umfeld passiert, weil es von diesem Organismus definiert wird. Nehmen wir zum Beispiel Amerika heute: ein Organismus mit der Einstellung, dass die Weltgeschehnisse, als natürliches Umfeld dieses Landes, nicht wichtig seien, weil dieses Land so mächtig sei, dass es sein eigenes Umfeld gestalten und designen könne.

In der Geschichte gab es einige Beispiele, die zur Kollision mit der Realität geführt haben, da es sich herausgestellt hat, dass kein Organismus, weder ein Staat noch eine Ideologie, so mächtig sind, um das eigene Umfeld kontrollieren zu können und jeder, der es versucht hat, ist untergegangen, vom Römischen Reich bis zu den großen Imperien. Charles Darwin hat eine große Erkenntnis so formuliert: "Im brutalen Existenzkampf überleben nicht die Größten, die Stärksten oder die Klügsten, sondern diejenigen, die sich den Veränderungen im eigenen Umfeld am schnellsten anpassen können." Das ist die Erfolgsformel. Derjenige, der glaubt, das Umfeld sei nur eine Bühne, an der er eigene Regeln definiert könne, kann nur eine beschränkte Zeit in dieser Illusion leben. Nach bestimmter Zeit stößt er auf die Folgen eigener Arroganz und geht letztendlich unter. Das heißt, wichtig ist, dass jede Gesellschaft und jede Gemeinschaft den eigenen Platz in einem viel größeren System der konzentrischen Kreise realistisch versteht: er ist zuerst die eigene Region, danach eine weitere Gemeinschaft, ein Kontinent und danach die gesamte Menschheit. Sie soll versuchen, wenn möglich, die Regelmäßigkeiten und die Gesetzmäßigkeiten im Verhalten der Umwelt zu entdecken und sie für eigene Interessen auszunützen, zu sehen, ob etwas passiert, wo sie ihren Platz finden kann - und sich weder blind diesem widersetzten und letztendlich wie Don Quijote gegen die Windmühlen zu kämpfen noch sich dem vollkommen zu unterstellen und auf der Logik dieses Umfelds zu parasitieren sondern ein individuelles Leben so zu leben, um alle nicht zu beherrschenden Gefahren zu vermeiden und ab und zu einen Schlag aufzunehmen, weil man doch nicht alles vorhersehen kann und schließlich immer etwas Unerwartetes passiert.

Das ist eine allgemeine Gesellschaftstheorie und mag sie noch so trivial aussehen, ist sie belehrend, weil wir sie als Volk oft vernachlässigten und eine Ausrede vielleicht manchmal darin suchten, dass wir nicht aus dieser Welt wären, weil wir ein Himmelsvolk wären und auf uns die Regeln dieser Welt keine Anwendung finden würden. Und so haben wir zum Schluss den irdischen Preis für eine Theorie gezahlt, mit der wir zeigen wollten, dass wir nicht aus dieser Welt sind. Schließlich ist die Schranke maßgeblich, an der wir den Preis zahlen müssen. Befindet sie sich auf Erden, dann sind sie ein irdischer Reisender. Fliegen sie wie ein Engel im Himmel, dann haben sie keine Straßengebühren zu zahlen und es entstehen keine Kosten. Sobald es Kosten gibt, heißt das, das sie in einem sachlichen System sind und die Kosten danach überprüfen sollen, ob sie für sie zu hoch sind. Natürlich hat das Umfeld, in dem wir als Nation leben, eigene Regelmäßigkeiten. Das Umfeld entsteht durch Jahrhunderte und ist bestimmt kein Chaos, mit dem wir tagtäglich konfrontiert sind, sondern besitzt bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die, wenn man sie sorgfältig studiert, einem zur Orientierung und Vorhersagung der kommenden Ereignisse helfen können. Es war also 1989 nicht schwer zu vorhersehen, das die kommunistische Ideologie mit allen ihren wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Elementen untergehen wird, und es war nicht schwer, zu begreifen, was in letzter Dekade des 20. Jahrhunderts und im 21. Jh. dominieren wird und wie sich der Schwerpunkt der Weltereignisse von der Auseinandersetzung der großen Ideologien und der Blocks zu einem globalen Wettbewerb, zur Wirtschaft und schließlich zu Informationstechnologien bewegen wird. Das war nicht schwer vorherzusehen, jedoch haben viele nationale Leader dies nicht vorhergesehen und viele Völker haben darunter gelitten, weil sie durch alte Ideen und einer Vorstellung geführt wurden, die Welt bewege sich nach alten Gesetzmäßigkeiten. Als hätten sie einen Stadtplan mit eingetragenen Straßen und Kreuzungen, aber einen Plan einer archäologischen Stadt, die es vor Tausend Jahren einmal gegeben hat, und sie fahren nach diesem Stadtplan und logischerweise biegen sie in falsche Straßen ein, verlieren ihren Weg und kommen schließlich nie ans Ziel. Auf diese Weise möchte ich die Stellung begründen, dass es in dieser Welt, in der Menschheit, bestimmte Trends gibt, und jedes Volk und jede Nation muss diese Trends im Umfeld verstehen. Ist die Nation nicht stark genug, um sich den Trends zu widersetzen, sie zu ändern und eigene Trends aufzuzwingen, muss sie darüber nachdenken, wie sie sich an diese Trends anpassen und sie für eigene Interessen ausnützen kann - die kleinen Interessen in der großen Welt. In den letzten hundert oder zweihundert Jahren können Trends identifiziert werden, die wissenschaftlich analysiert und geforscht wurden, die wichtig und umfassen sind und die man sogar Megatrends nennen kann. Es ist etwas, was das Schicksal der gesamten Menschheit beeinflusst und die Gesellschaftsform auf Erden ändert und umgestaltet. Es ist also nichts Kleines, Vergängliches, sondern etwas, was die Entwicklungsphasen der Menschheit verändert. Die Menschengesellschaft oder ein bestimmter Teil davon bewegt sich zu einem anderen Zustand. Das ist ein nicht vollendeter Prozess, aber man kann ihn anhand einiger Manifestationen erkennen.

Der erste große Übergang, die große Transformation geschah von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft. Im 19 Jh. kam es zum Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft, im 20 Jh. von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft. Das hat große Veränderungen der Mentalität, des menschlichen Verhaltens und Denkens, der Instrumenten und Werkzeugen für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse und der notwendigen Erfolgsqualifikationen verursacht. Das, was die Nationen und Individuen in der Industriegesellschaft erfolgreich gemacht hat, reicht in einer Informationsgesellschaft nicht mehr aus.

Der zweite große Megatrend geschah im Bereich der Wirtschaft - Übergang von der Produktionswirtschaft zur Dienstleistungswirtschaft. Das führte zu großen Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur. Es gibt vielleicht ca. zehn charakteristische Tendenzen, die eine Gesellschaftsstruktur, Institutionsstruktur und Bewusstseinsstruktur verändern und eine andere Verhaltensweise voraussetzen, um die Gesellschaft erfolgreich zu machen. Sagen wir mal von der Volkswirtschaft zur Weltwirtschaft, von geschlossenen kleinen Märkten zum Wettbewerb, wo man fast in jedem Ort auf Erden produzieren kann, was man möchte. Es gibt also keine Privilegien für einen Teil, ein Volk, eine Ökonomie. Jede Ökonomie in der Welt kann heute gleiche Sachen produzieren. Es stellt sich jedoch die Frage, was können wir besser, erfolgreicher, schneller, hochwertiger und billiger produzieren, um in Vergleich zu den Produkten aus China, Russland, Brasilien, EU oder einem anderen Land wettbewerbsfähig zu sein. Das ist etwas Neues und schafft einen großen internationalen Wettbewerbsdruck und fordert eine Vorbereitung eigener Kapazitäten und Potenziale für einen taffen internationalen Wettbewerb. Stellen sie sich zum Beispiel vor, ihre Fußballclubs spielen in einer Liga mit Manchester United, Sao Paolo, Milan und all diesen Weltclubs. Wenn sie ein Spiel gewinnen wollen, brauchen sie dazu viel Vorbereitung, Training und einen anderen Zugang zum Spiel. Es ist also leicht den Spitzenplatz in einer Dorfliga zu halten, aber wird es im 21. Jh. Dorfligen oder nur eine Liga geben, wo sie an der Spitze oder am Ende der Liste stehen. Sie sind entweder der Beste oder der Schlechteste, es gibt nur Erfolgreiche und Erfolglose.

Es gibt keinen Osten und Westen, Kommunisten und Kapitalisten, Katholiken und Orthodoxe, diese oder jene mehr. Es gibt Erfolgreiche und Erfolglose. Und das ist die Weltliga des 21. Jahrhunderts. Vorrangig in der Wirtschaft und dann auch in den Ideen, Innovationen, in der Qualität der Institutionen und all dem, was diesem Trend folgt. Es besteht auch ein weiterer Trend, von der Zentralisierung zur Dezentralisierung, von Entscheidungen, die auf hierarchische Ebene im Zentrum getroffen und auf unteren Ebenen der Gesellschaftsorganisation durchgeführt worden, zu einem System, wo delegiert und dezentralisiert wird, wo Entscheidungen getroffen werden, dort wo sie umgesetzt werden, bürgernah, wo die Bürger sie kontrollieren können und das Handeln dieser Organe als ein Bürgerservice und nicht als ein Machtwille verstanden wird.

Wenn sie das betrachten, wovon ich gerade spreche, dann werden sie Ähnlichkeiten erkennen. Das bisher Statische, Sachliche und Inhaltliche bewegt sich eher zu etwas, was flexibel, beweglich ist und auf der Kommunikation, der Geschwindigkeit, dem Zurechtkommen beruht, etwas, was wir eher als Verfahren anstatt Substanz nennen können. Natürlich stellt sich dabei die Frage, was passiert mit Ländern, mit Völkern, mit Nationen. Offensichtlich verschmelzt das, was wir aus der europäischen und internationalen Vergangenheit übertragen haben bzw. die fest definierten Souveränitäten, die Staaten mit ihren Regierungen und Zuständigkeiten, mit diesem allgemeinen Trend.

Mehr Einfluss auf die Volkswirtschaft eines Staates hat der IWF und die Weltbank oder US-Federal Reserve mit Festlegung der Zinsen auf USD-Kredite als die Wirtschaftspolitik eines Landes, weil die Bewegungen auf dem internationalen Finanzmarkt einen größeren langfristigen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik in einem Land als die Regierung haben. Es gibt also keine wirtschaftliche Souveränität in einem Land. Ähnlich ist es auch bei Politik.

Die Vereinigung der EU führt praktisch zum Verzicht eines großen Teils der staatlichen Souveränität einzelner Beitrittsländer und der Integrationsprozess umfasst praktisch immer mehr Staaten mit dem Endergebnis, das in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren es nur eine Weltorganisation wie Weltregierung geben wird, die auf dem freiwilligen Verzicht auf der staatlichen Souveränität hunderter von Staaten beruhen wird. Es wäre aber eine große Illusion, davon auszugehen, dass nationales Interesse und Staaten verschwinden werden. Ich halte es für falsch.

Ich glaube, sie transformieren sich nur und passen sich den beschriebenen Trends an, aber es wird nicht zu dem kommen, was Kant geträumt und in seinem Essay über den ewigen Frieden beschrieben oder Marx im Satz ausgedrückt hat: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!". Und dann sollen wir alle gleich sein, es solle keine Grenzen, keine Nationen, keine Staaten geben, sondern die Menschheit sei eine Nation. Nein, soweit wir die Geschichte in den nächsten hundert Jahren vorhersehen können, werden Träger und wichtigste juristische Personen und Enthitäten, die hier auftreten werden, weiterhin die Staaten und in den Staaten organisierte Nationen sein. Ging der Megatrend in den letzten hundert Jahren in Richtung Auflösung dessen, was fest und statisch war, dann stellt sich die Frage nach einer kollektiven Identität. Was passiert mit dem, mit der nationalen Identität, was in einem Staat als ein Interesse definiert wird, welches auf dem internationalen Markt oder in diesem globalen Wettbewerb wahrgenommen, geschützt werden soll? Wenn wir über den Organismus und dessen Umfeld sprechen, wird immer gesagt, dass der Organismus durch Anpassung an das Umfeld erfolgreich sein muss, um eigene Ziele zu erreichen.

Ich glaube, neben diesen hinsichtlich der Wirtschaft und der Institutionen leichter zu analysierenden Trends können wir noch ein Trend identifizieren, der sich auf die kollektive Identität bezieht und gleichermaßen beschreibt, was mit der kollektiven Identität bei der Gesellschaftsmodernisierung geschieht. Aus meiner Sicht kann man das als Übergang vom Nationalismus zum Patriotismus bezeichnen, wobei der Nationalismus ein Ausdruck der kollektiven Identität in einer relativ statischen Gesellschaft ist. Ich halte die Einstellung, die Entwicklung in diesem Modernisierungsbereich führe vom Nationalismus zum Internationalismus, für falsch. Internationalismus ist also kein Gegenstück des Nationalismus. Wenn der Nationalismus eine kollektive Identität einer statischen und grundsätzlich ländlich-industiellen Gesellschaft ist, dann muss die kollektive Identität einer moderner Gesellschaft nicht durch Internationalismus ausgedrückt werden. Der Internationalismus steht auf einem anderen Gleis. Nach seiner Funktion befriedigt er den Identitätsbedarf nicht, der vom Nationalismus in einem anderen Gesellschaftstyp befriedigt war. Ich halte Patriotismus für ein Pendant des Nationalismus. Wenn wir die in all diesen Prozessen bestehende Struktur berücksichtigen, wenn wir sie auf den Gestaltungsprozess des kollektiven Bewusstseins übertragen wollen, dann liegt die Eigenschaft des Nationalismus in seiner Substanzialität, er ist auf einer ethnischen und keiner anderen Angehörigkeit bezogen, er ist statisch, polarisiert, nicht kommunikativ, kann sich nicht am Wettbewerb, am Austausch beteiligen, was in einer modernen Gesellschaft vorausgesetzt wird. Der Nationalismus ist charakteristisch für statische Gesellschaften und Einnahmen von Positionen in statischen Gesellschaften. Und sie können sehen, dass dieser Typ des kollektiven Bewusstseins nur in den Gesellschaften besteht, deren Entwicklung auch in anderen Linien, also wirtschaftlichen, staatlichen und historischen Linien, gestoppt wurde, die in Regionen vorhanden sind, wo dieser Prozess nicht normal abgewickelt wurde, sondern historische Blockaden und Stillstände hatte und als Ergebnis eine Gesellschaftsstruktur aufweist, die als ihre kollektive Identität ein statisches Gefühl wie Nationalismus produziert.

Der zweite wichtige Punkt ist, dass für Nationalismus Motive maßgeblich sind. Für den Patriotismus sind Ergebnisse und Folgen maßgeblich. Das ist der Hauptunterschied zwischen traditionellen und modernen Gesellschaften. Das heißt, sie haben Möglichkeiten und historische Beispiele für Nationalismen, die in ihren Förderungsbestrebungen die eigene Nation vernichtet haben. Das ist jedoch nicht ihr Nachteil. Bei diesem Weltbild ist es am wichtigsten, ob sie die Absicht hatten, ihrer Nation zu helfen. Wenn sie diese Absicht hatten und es auch beweisen können, dann haben sie ihre Rechtfertigung gefunden, weil sie sagten, wie wollten es wirklich, aber letztendlich endete es zu Schaden der eigenen Nation, jedoch ist es nicht unsere Schuld, sondern daran sind Umstände schuld.

Wenn sie sich an den Anfang dieser Geschichte erinnern, sind die Umstände auch ein Teil der Planung. Wenn sie so planen würden, als ob es keine Welt sondern nur sie gäbe, dann seien sie der Gott, dann gäbe es keine Diskussion. Aber, wenn sie kein Gott sind, dann gibt es immer ein Umfeld, in dem sie ihre Strategie planen müssen, und, wenn dieses Umfeld ihre Strategie schließlich ablehnt und zum Misserfolg führt, sind sie schul daran und nicht die Welt. Wenn sie in einem Umfeld nicht zurechtkommen, ist die Natur nicht daran schuld. Und die internationale Politik ist wie die Natur. Stürme, Tornados, Hochwasser, das gescheht einfach und da gibt es keine vielen ethischen Überlegungen. Es gibt hier auch Verhältnisse zwischen Weltmächten, die müssen sie verstehen und durchkommen, ohne zu verunglücken. Derjenige, der diese Situation moralisiert und sagt, ich habe die und die Absicht und mit diesen Absichten geht er in das Ganze hinein und kriegt auf den Kopf, ist entweder naiv oder unfähig. Das ist eigentlich die Eigenschaft der traditionellen Gesellschaften, wo die Gesellschaftssteuerung moralisiert oder ideologisiert wird. Oder wenn gesagt wird, wir wollen etwas, wir haben gute Absichten, wir haben gute Motive, aber ob wir erfolgreich sind, das hängt nicht von uns ab, das hängt von anderen Sachen ab, und wenn es uns nicht gelingt, dann sagen wir, wahrscheinlich war das eine Weltverschwörung, die alle unsere Absichten zum Scheitern bringen will. Und dann sind wir ruhig, da wir eine Begründung für unseren Misserfolg gefunden haben.

Wenn wir die kollektive Identität auf eine moderne Form basieren, wie Patriotismus, dann haben wir anstatt der Absichtsethik eine Verantwortungsethik, wo wir anstatt unsere Absichten und die daraus resultierenden Ergebnisse zu erklären und moralische Reden zu halten - wie gut wir sind und welche Rechte wir haben - unsere Erfolgschancen analysieren können. Und dann werden wir für die Folgen verantwortlich sein und keine Rechtfertigung für die Motive suchen. Das ist ein großer Unterschied. Und gerade in diesem Unterschied steckt die Frage, ob wir als serbisches Volk in das 21. Jh. mit einer modernen Form der kollektiven Identität gehen können oder versuchen werden, einige Mechanismen moderner Gesellschaften in Industrie, Wirtschaft und Institutionen aufzubauen, jedoch in unserem Bewusstsein eine archaische Form der kollektiven Identität behalten werden, die auf den moralischen Ansatz basiert, die Verantwortung sei nie bei denen, die eine Aktivität durchführen, sondern immer an der Umwelt, die vielleicht diese Aktivität nicht akzeptieren sondern ablehnen wird. Das heißt also, dass es sehr wichtig ist, durch eine Reflexion unserer Geschichte zu sehen, aus welchen Gründen wir Misserfolge erlebt haben, und dabei keiner das Verantwortungsgefühl hatte, sondern alle der Meinung waren, andere seien schuldig gewesen. Und ist das die einzige Position, die in der Zukunft weniger Niederlagen als in der Vergangenheit verspricht? Ich glaube es nicht. Ich glaube, diese Position garantiert uns im großen Maße, dasselbe in der Zukunft zu erleben, was wir in der Vergangenheit erlebt haben. Wenn man sich mit einem Problem auf die gleiche Art konfrontiert, dann können wir die gleichen Ergebnisse wie früher erwarten. Wenn das Ergebnis schlecht war, dann ändern sie den Ansatz. Wenn sie den Ansatz nicht ändern wollen, dann dürfen sie sich auch nicht über die wiederholten schlechten Ergebnisse beschweren. Wenn wir also im 21. Jh. besser sein wollen, als wir im 20. Jh. waren, müssen wir unser Verhältnis zu sich selbst und zu unserer Umwelt durch eine Analyse der Welttrends neu definieren.

Der Demokratismus im Sinne einer Beteiligung der Bürger am Entscheidungsprozess war in der Geschichte der Menschheit nie vertretener als heute. Das sind also realistische Tatsachen. Manchmal wird es vergessen, weil es auch Missbrauchsbeispiele gibt, weil enorme Macht in einigen Instrumenten konzentriert ist und weil Gesellschaften enorme Macht bekommen haben. In Wirklichkeit wird die Macht weniger missbraucht als je in der Geschichte. Und das Ansehen der Macht ist heute schlechter als je in der Geschichte, weil das demokratische Bewusstsein einen Missbrauch, nicht einmal einen Anschein von Missbrauch, tolerieren kann, was natürlich nicht bedeutet, dass es keine Länder gibt, in denen es zum großen Missbrauch kommt und das, wovon wir sprechen, auf alle Länder bezogen ist. Trotzdem vertrete ich die Meinung, man soll kein Pessimist sein, da Politik etwas Edles ist.

Die größte Gefahr einer pessimistischen Politikbeschreibung liegt darin, dass ehrliche und ehrenvolle Menschen sich mit Politik nicht befassen wollen, weil es etwas Schlechtes sei und wird in Medien in jedem Land, nicht nur in unserem, als etwas Schlechtes dargestellt. Dann kommt es praktisch zu einer freiwilligen negativen Selektion, weil diejenigen, die eine gute Meinung über sich und über die eigene Moral haben, meistens sagen, ich will kein Politiker sein, weil Politiker korrumpiert sind, Politiker seien Diebe, Politiker seien Betrüger, und dann gibt es wirklich nicht ausreichend gute Menschen, die die Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen wollen. Es könnte sein, dass durch diese spontane Kampagne die Politik letztendlich zu dem wird, wie sie in Medien dargestellt wird bzw. eine Tätigkeit, die Menschen anstößig macht. Ich halte es für notwendig, auch im nationalen Interesse, den positiven Politikbegriff zu rehabilitieren und zu begreifen, dass man schlechte Leute nicht die Staatspolitik in einem Land führen lassen darf, dort wo sie leben und wo ihre Kinder leben werden. Sie müssen sich darum kümmern, dass an führende Positionen gute Menschen kommen, denn es nützt nichts, wenn sie täglich arbeiten und etwas erzeugen, und sie ruinieren es danach. Und es können Millionen so gut sein wie sie. Wenn das jemand in ihren Namen zerstört, dann hätten sie es auch nicht erzeugen müssen - sie hätten besser geschlafen oder wären angeln gegangen. Politik ist also ein Instrument für die Durchführung großer Geschäfte in einer Gesellschaft, ohne das nichts gemacht werden kann. Heute gibt es keine einzige Gesellschaft ohne Politik und diejenigen, die anders behaupten, wollen sie nur betrügen.

Man muss die Tatsache akzeptieren, dass in modernen Gesellschaften die politische Struktur und politische Institutionen das einzige Instrument für die Durchführung großer gesellschaftlicher Projekte sind. Die Gesellschaft muss dieses Instrument kontrollieren und jede Person muss für die Qualität dieses Instruments interessiert sein, weil von der Qualität der Politik auch seine Sicherheit, sein Leben und seine Zukunft abhängig sind. Am besten soll man sich daran beteiligen, da die Beteiligung auch ein großer Megatrend von der repräsentativen Demokratie zur partizipativen Demokratie ist. Von der Beteiligung an Wahlen einmal in vier Jahren bis zu dem täglichen Druck und Einfluss auf die für sie wichtigen Entscheidungen in der lokalen Gemeinde oder durch verschiedene bürgerliche Initiativen. Das gibt die Qualität einer Gesellschaft. Ich weiß nicht, wie weit sie dafür interessiert oder motiviert sind. Wenn nicht, dann dürfen sie später auch nicht böse sein, wenn die getroffenen Entscheidungen zu ihrem Schaden führen.

Wir haben in der Welt keine Freunde. Das ist die schlechte Nachricht. Weniger schlecht ist die Nachricht, dass keiner in der Welt gute Freunde hat und keiner keinen gern hat. Es gib nur Protokolle. Es gibt die Diplomatie, wo das alles schöner dargestellt wird. Jede steht also für eigene Interessen ein, und jeder mag einen anderen in Rahmen eigener Interessen. Wenn es zu Auseinandersetzungen kommt, leidet immer der Schwächste. Wenn ihr auf einer Autobahn seit und einen kleinen Fiat fahren und von den Zisternen und Lastwagen überholt wird, dann fahre vorsichtig, so dass du nicht verunglückst. Ob der eine in die linke oder die rechte Spur gewechselt hat, das kann später der Heilige Petrus prüfen, und du bist im Himmel. Schätze deine Situation, deine Möglichkeiten, den Fahrplan dieser Lastwagen ein, sei es die USA oder Russland oder China oder ein anderer auf diesen Straßen, und sehe zu, wie du dich da einmischen und zu deinem Ziel kommen kannst. Diese Autobahn ist breit genug. Bist du ein geschickter Fahrer, kommst du an dein Ziel, denn die Autobahn ist breit genug. Einige Leute haben mir gesagt, sie sein orthodox und haben daher keine Chance. Griechen sind auch orthodox aber sie haben die Gelegenheit ausgenützt und haben sich einem Konvoi angeschlossen und folgen ihn und zwar sehr erfolgreich. Vor dreißig Jahren waren wir für Griechen wie die USA. Griechenland hat ein hohes Bruttoinlandsprodukt. Das heißt, Griechenland produziert im Jahr mehr als 50 Millionen Menschen in Kroatien, Bosnien, Serbien, Montenegro, Mazedonien, Albanien, Rumänien, Moldawien, Bulgarien. Alle zusammen produzieren weniger als Griechenland mit neun Millionen Einwohner. Das ist ein Ergebnis ihrer Anpassungsfähigkeit. Sie haben zu einem Zeitpunkt begriffen, in welche Richtung die Welt sich bewegt und sagten: lass uns mit und nicht gegen diese Welt ziehen, aber wir werden auch nicht mit dieser Welt verschmelzen. Sie haben ein klares nationales Interesse - wenn sie bei der Türkei ein Veto einlegen sollen, dann machen sie es auch und ihr Veto in der EU reicht aus, die Türkei vom EU-Beitritt fernzuhalten. Das ist ein Modell, das wir wählen sollen. Es gibt keine dauernden Freundschaften und keine dauernden Feinde in der internationalen Politik. Es gibt einige Konstellationen, wo bestimmte Kräfte sich auf einer Seite finden und man soll immer das Risiko einschätzen. Ist das Risiko zu hoch, sollte man die Situationen vermeiden. Wir haben das in Belgrad nicht einschätzen können. Ihr seit hier nur ein Begleitschaden der schlechten Einschätzung in Belgrad, da in Belgrad zu dieser Zeit einfach nicht die Menschen entschieden haben, die mehr Verständnis für die Weltgeschehnisse hatten. Sie dachten, der Fall der Berliner Mauer sei ein Inzident und eine zweimal so große Berliner Mauer werde in den 90er gebaut. 1989 wurde sie zufällig zerstört, aber 1992, 1993 oder 1994 werde die Chinesische Mauer übertragen werden. Natürlich war das dumm. Es war klar, dass die Welt in eine andere Richtung geht, dass der Sozialismus als Ökonomie, Ideologie und als System eine Niederlage erleben wird, dass er zerfällt und die Zukunft auf einer anderen Seite zu suchen ist. Wir haben den Preis bezahlt. Es wäre ein Fehler, wenn wir den Preis zweimal zahlen. Einmal haben wir gezahlt und wir zahlen zum zweiten Mal, weil wir uns immer damit befassen werden und die gesamte Zukunft mit der Niederlage in Kosovo wiederholen werden. Einmal wurden wir besiegt und durch die gesamte Geschichte machen wir daraus einen Mythos. Und natürlich können wir es dann als unser Sieg darstellen. Aber es war offensichtlich eine Niederlage. Aber wenn sie aus einer Niederlage einen Sieg machen, dann feiern sie praktisch ihre Niederlage. Anstatt gesagt wird, das wars, es passierte, lass uns die Gründe analysieren, wir waren nicht einig, wir haben die Situation nicht gut verstanden. Lass uns etwas machen, um es zu berichtigen und bei der nächsten Situation an der Seite der Sieger sein. Und ich halte es natürlich für möglich. Sie brauchen dazu eine Position: um ein Spieler nach den Regeln der Weltliga zu sein, müssen sie bestimmte minimale Voraussetzungen erfüllen, um als Spieler anerkannt zu werden. Wenn sie ständig gegen die Regeln verstoßen und ständig sagen, ich will nicht das, ich will nicht jenes, ich will nur das, was mir gefällt, dann werden sie ausgeschlossen und es wird ihnen gesagt: geh da raus auf die Bank und spiele nach eigenen Regeln. Man muss also ein Maß an Beachtung der Regeln und natürlich auch ein Paar Fouls haben, die der Richter nicht sehen darf, in verschiedenen Kombinationen, die sie zum Tor und endlich auch zum Sieg führen.

Ich denke, dass wir als Volk ein Problem damit haben, dass unsere Leader zu egozentrisch und selbstverliebt sind und glauben, die Welt besteht ihretwegen. Im Westen ist durch die gesamte Entwicklung der demokratischen Gesellschaften der Leader ein Beamter des Volkes und der Nation, er ist nachhaltig nur dann, wenn er sein Volk vorwärts und mit seinem Plan die Nation zum Erfolg führt. Sobald er sein eigenes Interesse über die Interessen der Nation stellt und sagt: obwohl ich zum Problem wurde, will ich nicht gehen, weil die Leute mich unterstützen - in dem Augenblick verliert er seine Kredibilität. Noch etwas möchte ich ihnen sagen über ein Thema, das für uns sehr schmerzhaft ist: warum war auf dem Balkan die Politik viel mehr mythologisiert als in dem klassischen Mitteleuropa. Wir hatten das Problem mit den Nationalstaaten. Wir waren praktisch Völker in einem fremden Land. Wir hatten die KuK-Monarchie und das Türkische Imperium - in diesen Ländern hatten wir eine bestimmte Position aber keinen eigenen Staat. Und dann verwirklichte sich diese kollektive Identität durch die ethnische Identität. Sie könnte sich nicht durch politische Institutionen verwirklichen, weil es sie nicht gab und geben könnte. Da eine kollektive Identität bestand, wurde sie durch Sprache, Kultur und Religion ausgedrückt, da es die einzigen Attribute für die Erkennung der Gemeinschaft waren. Es gab keinen Staat sondern eine Gemeinschaft. Wenn sie jemanden fragen, wer sind die besten Experten für Sprache, Kultur und Religion - Schriftsteller, Dichter, Priester - sind sie die besten Vertreter einer modernen Identität? Eigentlich nicht. Warum? Weil sie zu Übertreibungen neigen, zur Ausschließlichkeit, zur Poesie, Mythen, weil das ihre Aufgabe ist. Und wenn sie unsere Politik in den letzten hundert bis zweihundert Jahren betrachten, sehen sie mehr Predigten als politische Programme. Das wird als politisches Programm dargestellt. Wenn sie es lesen, sehen sie, dass hier überwiegend unprüfbare Sachen angeboten werden, verschiedene Geschichten aus der Vergangenheit, verschiedene Symbole und all das, was als Teil einer allgemeinen politischen Kultur nicht schlecht ist, aber als Teil einer operativen Politik mit einem klaren Plan, Strategie, zuverlässigen und analysierbaren Plan nicht positiv bewertet werden kann. Sie müssen ein Team bilden und sagen: bitte macht einige Szenarien aufgrund dessen, was passieren kann, wenn wir etwas tun wollen. Es gibt viel zu wenig solche politische Programme in Serbien, die auf einem modernen Politikkonzept beruhen, und viel zu viel derjenigen, die auf einer Kombination von Poesie und Predigten aufbauen und deshalb sind wir nicht zu sehr erfolgreich. Brennende Reden und Emotionen unterscheiden sich von der Planung einer ernsten Staatspolitik.

Betrachten wir Frankreich, England, Deutschland oder Österreich, sehen wir eine höhere Ebene des "Nationalismus" als bei uns. Aber dort ist das nicht als Nationalismus erkannt. Das ist Patriotismus. Was die Amerikaner in Vietnam getan haben, war kein Nationalismus sondern auf falscher Annahme beruhender Patriotismus. Jedoch wird das am Ende ausgerechnet und es wird gesagt: das war ein Fehler. Ich möchte sagen, dass unser Handicap teilweise darin liegt, dass wir unser nationales Interesse auf eine falsche Art ausdrücken, indem wir es mit einer ethnischen Zugehörigkeit und vorrangig mit einem ethnischen Unterschied und einer statischen Position verbinden, was zu bestimmten Misserfolgen führte, weil dies für moderne Gesellschaften kein angemessener Ansatz ist. Das heißt nicht, wir sollen jetzt unser nationales Interesse verwerfen und sagen: die Alternative ist also der Internationalismus, die Welt kann machen, was sie will, wir werden ihr folgen. Nein. Wir müssen die Art, wie wir unsere kollektive Identität zum Ausdruck bringen, neu definieren und zwar ähnlich, wie es die Nationen gemacht haben, die ihre nationalen Interessen erfolgreich wahrnehmen. All die von mir genannten Länder definieren ihr nationales Interesse sehr deutlich und schützen es, wurden aber des Nationalismus nicht beschuldigt. Es ist nicht vollkommen hypokritisch, wenn sie sagen: sie machen das gleiche wie wir, nur sind sie stärker und sagen, dass was sie machen, sei kein Nationalismus. Nein. Es gibt Unterschiede in der Gestaltung ihrer kollektiven Identität. Aus meiner Sicht müssen wir uns von diesem Nationalismus als einer ethnischen Voreingenommenheit und vom konstanten Bestehen auf traditionelle Symbole und Werte distanzieren und gleichzeitig das nationale Interesse nicht verlieren, das wir als Patriotismus definieren können. Nicht nur die Machtträger sondern auch alle Bürger, die in einer Formation wie Republika Sprska, oder Serbien, oder Jugoslawien, Serbien und Montenegro leben, können das Wichtige für die Förderung ihres Landes durch die Kategorien des Patriotismus ausdrücken. Man verliert dabei nicht an der Effizienz und wird auch nicht der berechtigten Kritik ausgesetzt, es sei etwas Primitives, Archaisches und auf der internationalen Ebene nicht kommunizierbares, wie Nationalismus, der als Botschaft, als Ideologie nicht kommunikativ ist. Damit kommen sie nicht durch, außer in einigen Ländern mit religiösen Auseinandersetzungen mit ähnlichen Emotionen - sie verstehen, worüber wir sprechen, aber das ist kein Terrain, auf dem wir konkurrieren. Ich spreche nur von internationalen Beziehungen und in diesem Spiel müssen wird die Regeln wie auch alle anderen Spieler beachten. Wenn wir natürlich das Ziel auch durch andere Mechanismen, wie es auch andere machen, erreichen können, dann sollen wir es tun. Aber nicht im Sinne des Verstoßes gegen die Grundregeln. Grundsätzlich übergehen alle die Regeln, wo sie es schaffen, aber im Durchschnitt gesehen, werden die Weltregeln beachtet. Das ist wie ein internationaler Straßenverkehr, wo alle gegen die Geschwindigkeitsbeschränkung oder das Überholverbot verstoßen, jedoch sind es eher Ausnahmen als Regeln und wir müssen begreifen, dass wir diese internationalen Regeln grundsätzlich beachten müssen und dass es für uns gut ist, weil wir damit im internationalen Straßenverkehr bleiben. Kurzfristig können wir links oder rechts abbiegen, was nicht gerade den Regeln entspricht, aber toleriert wird, wenn es in unserem Interesse liegt.

Der Unterschied zwischen Ethik und Moral ist sehr wichtig, denn etwas, was für ein Volk durch die öffentliche Diskussion als gut gilt - das ist Ethik. Die Moral ist eine Frage der Absichten, wenn ich etwas für gut halte. Ich halte etwas für gut und ich werde das machen, weil meine Motive gut sind. Dass das, was zum Schluss passieren wird, katastrophal ist, das ist nicht meine Schuld, weil ich es mit guten Absichten getan habe. Ich verachte das. Ich halte es für eine Ausrede der Schwachen. Mich interessieren keine Absichten. Jeder hat gute Absichten, es ist aus meiner Sicht eine Frage der Anständigkeit. Ich habe auch keine Absicht, über jemandens Absichten zu diskutieren. Ich nehme es als selbstverständlich, dass jeder gute Absichten hat. Das ist derart trivial, dass es mich nicht interessiert. Mich interessiert, was danach kommt. Wenn keine nützliche Folge daraus folgt, dann interessieren mich die guten Absichten nicht. Wenn sie auch folgt, dann interessiert es mich genau so wenig, wenn jemand sagt, die Motive sein so oder so. Im öffentlichen Leben interessieren mich Folgen, die gut für die Gemeinschaft sind, in der dieses Leben stattfindet. Wenn sie permanent schlechte Folgen haben, dann ist es aus meiner Sicht egal, ob es auf Gottes Gerechtigkeit, auf einer anderen Gerechtigkeit oder auf guten Absichten beruht, weil es letztendlich zum Niedergang dieser Gemeinschaft führt. Nichts kann ohne Technologie durchgeführt werden. Absichten ohne Instrumente sind nur schöne Wünsche. Instrumente ohne Ethik können natürlich auch grauenhaft sein, denn Auschwitz hatte eine perfekte Technologie, aber perfekt war sie zur Durchführung eines schlimmen Projekts.

Eine Gemeinschaft muss also kontinuierlich darüber diskutieren, was für sie gut ist und in der Politik die Durchführungsinstrumente suchen. Um so mehr ist jede Diskussion über die Werte und Ziele für jede menschliche Gemeinschaft unerlässlich. Politik wird nie zur Technologie werden, weil immer die Frage gestellt wird: wozu dient das. Wenn es den in dieser Gemeinschaft lebenden Menschen nicht dient, dann ist es eine entfremdete Macht, die von Leuten zu stürzen ist. Und natürlich wird sie gestützt werden. Warum sollen sie ihr Leben opfern, um jemandem die Erreichung eigener Ziele in ihren Namen zu ermöglichen. Aus meiner Sicht kam es im 20. Jh. zu einer kleinen Deformation, da in diesem Prozess der Technologisierung aller Beziehungen eine Überzeugung entstanden ist, die menschliche Gemeinschaft sei ein Betrieb oder eine wirtschaftliche Kategorie und werde durch Benefits und Preise betrachtet. In einer menschlichen Gemeinschaft wird die Komponente der Werte und der Moral immer fortbestehen. Also, etwas, was jemandem wichtig ist. Und ich glaube, dass in der menschlichen Gemeinschaft immer die Komponente der Gerechtigkeit fortbestehen wird. Die menschliche Gemeinschaft kann also ohne die Komponente der Gerechtigkeit nicht bestehen, weil ein Mensch sich affirmieren will, was das Hauptattribut der menschlichen Persönlichkeit im Unterschied zu Tieren ist, und eine Genugtuung erleben will, anerkannt werden will, eine Chance bekommen will, seine Potenziale zu realisieren - das ist der Begriff der Gerechtigkeit. Eine Gemeinschaft, die das nicht ermöglicht, kann nicht erfolgreich sein, weil Leute sie boykottieren und sich an der Steigerung ihrer Macht und ihres Reichtums nicht beteiligen wollen. Sobald sie die Gerechtigkeitsfrage haben, weil viele Leute glauben, viele Sachen verdient zu haben, müssen sie auch die Frage der Demokratie haben bzw. die Möglichkeit für eine öffentliche Diskussion und Priorisierung in der Gesellschaft. Da nicht alle Ansprüche aller Einzelpersonen erfüllt werden können, stellt sich die Frage - was ist für eine Gesellschaft besser: eine Autobahn zu bauen, oder den Bauern Kredite zu gewähren, dieses oder jenes zu geben? Da die Mittel beschränkt sind - und alle wollen etwas, muss eine demokratische Struktur aufgebaut werden, die darüber entscheidet, und in gesellschaftliche Potenziale investiert werden. Und das ist eine aufregende Aufgabe, die praktisch das Hauptattribut der menschlichen Gesellschaften darstellt - die Diskussion, was ist Gerechtigkeit und der Versuch, dass jede Generation ihren Weg zur Erreichung der Gerechtigkeit definiert.